Einer, der nie mehr wegwill: Mohamad Alkhalaf (März 2026)

Einer, der nie mehr wegwill: Mohamad Alkhalaf (März 2026)

Die kleine Bella ist ein großer Wirbelwind. Unbedingt will die bald Dreijährige dem Besuch ihr Lieblingsspielzeug zeigen, flitzt dazu ins Kinderzimmer. Dessen Wand hat Papa Mohamad Alkhalaf selbst eingezogen, wie er stolz berichtet. Dass der 41-Jährige seine Gäste heute in dieser geschmackvoll eingerichteten Dachwohnung empfängt und nicht in seinem Elternhaus in Raqqa, hat einen Grund, der traurig und schön zugleich ist.

Denn seitdem der studierte Journalist und Pädagoge am 14. April 2015 Syrien heimlich zu Fuß verlassen musste, weil dort sein Leben bedroht war, hat er in Oberbayern ein neues Zuhause gefunden. „Kirchseeon ist meine deutsche Heimat, hier will ich bleiben“, sagt der bärtige Mann mit dem offenen, ansteckenden Lachen, der seit drei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.

Unglaublich, wie er sich diese freundliche, zugängliche Art bewahren konnte, angesichts seiner mehr als abenteuerlichen Flucht und der Erlebnisse, die dieser vorausgingen.

Angefangen hatte alles mit dem nicht wirklich ungewöhnlichen Plan, Dozent an der Universität zu werden. Doch dann kam der Arabische Frühling Anfang 2011 und im März desselben Jahres die gewaltsame Niederschlagung anfangs friedlicher Proteste gegen das autoritäre Assad-Regime. Es begann eine schlimme Zeit voller Gewalt und Unterdrückung.

„Viele Menschen in Deutschland realisieren gar nicht, wie kostbar Presse- und Meinungsfreiheit ist“, bemerkt Alkhalaf, dem seine kritischen Texte über Machthaber und Bürgermeister mehrere Gefängnisstrafen bescherten. Danach sei er in den Untergrund gegangen. „Sieben Monate schrieb ich weiter, als Frau verkleidet.“ Doch dann wurde die Kollegin, mit deren Hilfe er alle Straßenkontrollen überstanden hatte, enttarnt und auf grausame Weise getötet. „Da war klar, ich musste weg! Meine Mutter opferte ihre goldenen Armreifen und ich machte mich auf in Richtung Türkei.“

Mit einem kleinen Gummiboot ging es nach Griechenland: „Eigentlich hätten nur 15 Passagiere Platz gehabt, wir waren aber 40 Leute.“ Darunter zahlreiche Frauen und Kinder, wie auch später auf dem langen Weg über die Insel Kos, dann Athen, Mazedonien, Serbien, Ungarn, bis erst nach Passau, dann nach Kirchseeon. „So schlimm, die vielen Kleinen mit den nackten Füßen, die ihre Schuhe verloren hatten.“

Doch anhalten kam nicht in Frage, nicht für sie und auch nicht für ihn - selbst während des Ramadans setzte der gläubige Moslem den strapaziösen Fußmarsch fort. Vielleicht trug dieses unfreiwillige „Training“ ja sogar dazu bei, dass er nur drei Monate nach seiner Ankunft in Deutschland direkt einen Halbmarathon gewann.

Warum Alkhalaf ausgerechnet ins Münchner Umland wollte, hatte einen ganz einfachen Grund. „Seit meinem neunten Lebensjahr bin ich Bayern-Fan“, verrät der Hobbyfußballer, der jeden Sonntag gemeinsam mit Kollegen selbst den Ball über den Platz treibt.

Denn nun ist er doch ein Lehrender geworden, bringt als Mitarbeiter im Stütz- und Förderunterricht des Berufsförderungswerks St. Zeno vormittags Jugendlichen mit körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen Mathematik, Sport und Medienkompetenz bei.

An seiner zweiten Stelle, an der Grund- und Mittelschule Kirchseeon, war Alkhalaf sieben Jahre lang in der OGTS tätig – als einziger Mann. Heute betreut er, zusammen mit Lehrerin Sandra Fessler, das Schülerzeitungsprojekt - mal in der vierten, mal in der dritten Stufe.

„Ich liebe die Arbeit mit den Schülern“, sagt er, der mit acht Geschwistern aufgewachsen ist. Und die Mädchen und Buben lieben ihn – unschwer zu erkennen an der Traube von Kindern, die auf dem Weg durchs Schulgelände an seinen Armen hängt. Sie schätzen, dass er ihnen Themen nahebringt, die außerhalb ihrer gewohnten Welt liegen – sich gleichzeitig aber auch für ihre Nöte und Sorgen interessiert.

Diese Eigenschaft besaß er schon 2015, weswegen sich während der sieben Monate von Alkhalafs Aufenthalt in der Turnhalle des Gymnasiums die rund 300 dort Untergebrachten häufig vertrauensvoll an ihn wandten. Er war ihr Mittler, sie schätzten ihn. Wie auch der Helferkreis sowie die zahlreichen Elftklässler und Abiturientinnen, die den Geflüchteten mit Deutschkursen und gemeinsamem Sport das Ankommen erleichterten.

Diese Kontakte bestehen noch heute, neue Freundschaften sind hinzugekommen. „Beate Steiner verdanke ich meine erste Bergtour und die Liebe zum Kaiserschmarrn, den ich heute selbst ein- bis zweimal die Woche mache!“ Bei Künstlerin Gisela Zenker habe er jahrelang gewohnt. Auch Ehefrau Hanna, eine Bauingenieurin, hat viele deutsche Bekannte – nicht zuletzt durch Bellas Spielgruppe.

„Wenn ich in Syrien bin, vermisse ich Deutschland,“ merkte Alkhalaf, als es ihm nach dem Sturz Assads wieder möglich war, in sein Geburtsland zu reisen. Am liebsten wäre ihm, der als freier Mitarbeiter für die Süddeutsche Zeitung schreibt, sowie von Deutschland aus als Online-Redakteur der syrischen Zeitung „Furat Alweda“ und zuweilen als Korrespondent fürs syrische Fernsehen tätig ist, „mal hier, mal dort zu arbeiten.“

Allerdings nicht irgendwo in Deutschland, nicht mal in München, wo es schon Jobangebote gab. Sondern „genau hier in Kirchseeon möchte ich sein, bei Maibaum und Perchten!“,

sagt er, während seine Frau einen köstlichen Kokos-Pistazien-Grießkuchen kredenzt. Und Bella? Die macht in der Kinderküche Kaffee für alle.

Text: Michaela Pelz i.A. des Marktes Kirchseeon

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