Der Herr der 64 Felder: Walter Rädler (April 2026)

„Der König fehlt! So geht das Fotoshooting ja gar nicht!“ Walter Rädler eilt zurück in sein Klassenzimmer, wo er in einem Schrank voller Schachfiguren schnell fündig wird. Es ist ein fröhlicher Raum. An der Decke hängen Wimpelketten - natürlich weiß-blau! – die Wände sind bedeckt mit bunten Zeichnungen und Fotos, in den Regalen stapeln sich Bücher. Viele Bücher. „Rund 800 werden es wohl sein!“, erläutert der Pädagoge, als er den fragenden Blick der Reporterin bemerkt. Nach Stationen in Steinhöring und Oberndorf gehört er seit fast 20 Jahren zum Kollegium der Grund- und Mittelschule Kirchseeon. „Lesen ist der Schlüssel zu privatem und beruflichem Glück!“

Moment mal. War man nicht angetreten, um ein Gespräch über das „Spiel der Könige“ zu führen, das der von der Europäischen Schachunion zum deutschen Schachbotschafter gekürte Rädler seinen Erst- und Zweitklässlern zusätzlich zum normalen Unterricht in einer AG nahebringt? Und nun soll es plötzlich um die Vorzüge des gedruckten Wortes, um „Kino im Kopf“ gehen?

Der Mann im blauen Pulli lacht. Klar findet er, dass eigentlich jeder Mensch die Chance haben sollte, auf spielerische Weise zum Schachspiel zu finden. „Schach macht Kinder schlau und sozial! Es trainiert das logische Denken und die Konzentration, fördert außerdem Kommunikation und Gemeinschaft.“

Dennoch sei dieser Sport nicht besser als Literatur, Kunst, Schauspiel oder Musik – alles Elemente, mit denen man den regulären Schulstoff idealerweise ergänzen sollte. Weswegen die Schülerinnen und Schüler bei ihm auch lernen, Flöte zu spielen.
Wohlgemerkt, wer hier mit so viel Elan über ganzheitliches Lernen spricht, ist nicht nur Ex-Vizepräsident des Deutschen Schachbundes und der Deutschen Schulschachstiftung sondern wurde auch von der Deutschen Schachjugend für seine Verdienste um die Öffentlichkeitsarbeit mit dem „Goldenen Chesso“ ausgezeichnet. Vor allem aber hat er schon mehr als 700 Lehrkräfte und Erzieher zu Multiplikatoren jenes Spiels gemacht, das ihn seit seinem fünften Lebensjahr begeistert und über dessen positive Auswirkungen auf Schülerinnen und Schüler er 1992 sogar seine Zulassungsarbeit zum Examen geschrieben hat.

Kein Wunder also, dass Rädler ohne lange nachzudenken eine ganze Reihe weiterer Vorzüge nennen kann. „Um gemeinsam Schach zu spielen, muss man nicht einmal dieselbe Sprache sprechen“, erklärt der 59-Jährige, der dank kanadischer Mutter, Großvater aus Schottland sowie Oma mit norwegischen Wurzeln zweisprachig (Englisch und Deutsch) aufgewachsen ist.

Zudem sei Schach ein Sport, den sich jeder leisten könne: „Bretter und Figuren gibt es für unter 20 Euro und es kommt auch nichts mehr dazu.“ Ein nicht unerheblicher Punkt in einer zunehmend von finanzieller Ungleichheit geprägten Gesellschaft.

Rädler selbst stammt zwar aus einem Professorenhaushalt, hat aber das Schachspiel nie als elitäre Beschäftigung begriffen – und schon gar nicht als Freizeitvergnügen für Sonderlinge. „Ja, wir sind Denker, Tüftler und Brainies, haben aber auch ganz „normale“ Hobbys“, sagt der 1860er-Fan mit einem kleinen Lachen.

Überhaupt lacht er gern und viel, dieser Lehrer aus Leidenschaft. „Ich liebe meinen Beruf über alles – mit tollen Kindern, netten Eltern, lieben Kollegen. Jeden Tag freue ich mich auf die Arbeit. Es ist ein Geschenk.“

Gleichzeitig sieht Rädler aber auch, dass sich in der Schullandschaft einiges ändern müsste. Etwa bräuchte es sehr viel mehr Männer in einem Umfeld, in dem ein Großteil der Kinder oft einen Achtstunden-Tag verbringt. Nicht notwendigerweise jene Art Männer, wie sie ursprünglich im Schuldienst eingesetzt wurden – „nämlich ausgemusterte Soldaten“. Sondern Männer (und natürlich auch Frauen), die, wie er, der im Pausenhof ständig von einer Traube von Kindern umringt ist und beim Gang durchs Gebäude zahllose Hände abklatschen muss, zuhören können und sensibel sind für die Nöte und Bedürfnisse der ihnen anvertrauten jungen Menschen.

Lehrkräfte, die die Mädchen und Buben ohne Notendruck dazu anspornen, ihr Bestes zu geben. Als kleiner Bub, der beim Schachspiel schnell Brüder und Vater überflügelte, habe er selbst die Erfahrung gemacht: „Wenn du etwas besonders gut kannst, wächst dein Selbstvertrauen auch in anderen Bereichen.“

Daher hielte er es für eine gute Idee, Schach an allen Schulen zu etablieren, wie es in anderen Ländern schon Usus ist. Das weiß Rädler auch deswegen, weil er sich seit Jahren intensiv auf internationaler Ebene austauscht.

In Kirchseeon sorgt er für Verbindung zur „echten“ Welt rund um das Schulhaus – etwa durch Schulausflüge ins Seniorenheim. Wer weiß, vielleicht wird es irgendwann auch gemeinsame Schachpartien geben. Denn selbst in fortgeschrittenem Alter, so Rädler, könne man das Spiel noch erlernen. Es sei zwar schwieriger als für Kinder, aber könne, so die Wissenschaft, durch die Aktivierung des Gehirns einer Demenz entgegenwirken.

Wer sich für Neuigkeiten aus der Schachwelt interessieren, kann Rädlers wöchentlichen Rundbrief unter wraedler@aol.com abonnieren. Oder den Lehrer und Schachtrainer unter derselben E-Mailadresse um eine Führung durch das Schachmuseum in seinem Haus in Vaterstetten bitten. Bei den dort ausgestellten rund 160 Spielen wird man den König garantiert nicht suchen müssen.

Text: Michaela Pelz i.A. des Marktes Kirchseeon

 

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