Hüter der Tradition: Die „Aktion Maibaum“ (Mai 2026)

Tür auf und nach ein paar Schritten steht man vor einer urigen „Hütte in der Hütte“ – befindet sich doch das Kirchseeoner „Maibaumstüberl“ mitten in einer Lagerhalle gegenüber vom Restaurant Mahagoni.

„Für fünf Wochen ist das mein Hauptwohnsitz!“, sagt lachend Tom Friedrich. Der Vertreter des Kegelclubs Kirchseeon repräsentiert ebenso wie Daniel Kliesch von der Feuerwehr Markt Kirchseeon sowie Sepp Götz vom Trachtenverein Seetaler Kirchseeon die „Aktion Maibaum“. Als Zusammenschluss aus verschiedenen örtlichen Vereinen (die aktuelle Konstellation besteht seit 2015) hat diese Institution ausschließlich den Zweck, sich im Fünfjahresturnus um die Pflege eines uralten Brauchs zu kümmern, der aus der bayrischen Tradition nicht wegzudenken ist. Die Pflichten reichen vom Schlagen des Baums über das Herrichten bis zum Aufstellen „nur mit Muskelkraft“. Zum Schutz des Publikums natürlich abgesichert durch einen Kran – schließlich misst das markante Wahrzeichen 33 Meter und wiegt zweieinhalb Tonnen.

„Spender ist die Firma Geller Immobilien, ansässig am Marktplatz, wie auch die letzten drei Sponsoren“, erläutert Götz, bevor er darauf hinweist, dass man dieses Jahr „ein kleines Jubiläum“ feiere. Zwar habe es in Kirchseeon Dorf schon ab 1953 einen Maibaum gegeben, doch im Herzen der Marktgemeinde sei dies erst seit 1979 der Fall. „Und damit heuer, nach der coronabedingten Verschiebung von 2020 auf 2022, zum nunmehr zehnten Mal!“

Bis der mächtige Geselle mit sämtlichen Zunfttafeln und Vereinsschildern, gekrönt vom Blitzableiter-Gockel,

jedoch tatsächlich mitten am Marktplatz landet, müssen sich die rund 50 Kegler, 50 Trachtler sowie 80 Feuerwehrler beiderlei Geschlechts bei allerlei Aufgaben ordentlich ins Zeug legen.

Rund 20 Männer waren nötig, um den Baum an einem schneereichen Januartag zu schneiden und zu „schepsen“, also zu entrinden. „Wenn du damit drei Wochen wartest, ist es eine Mordsplagerei“, weiß Götz.

Am 28. März wurde der Stamm dann aus dem Wald zwischen Kirchseeon und Deinhofen an seinen Standort in der Halle gebracht. Aufgrund der Länge musste man extra ein Loch in die Tür schneiden und dem Holzbau ein Zelt hinzufügen. Was im Endeffekt ein großes Glück war, wie sich noch zeigen wird.

Zunächst muss aber noch beschrieben werden, was nötig ist, bevor der Baum in seiner ganzen Pracht erstrahlen kann.

Erst wird er grob und fein gehobelt und in Form gebracht, indem man Verwachsungen beseitigt. Auf die Grundierung mit weißer Spezialfarbe folgt die Anpassung von eisernen Führungsschienen für die Tafeln und einer starken Eisenmanschette am unteren Ende, damit er nicht ausreißt.

Nach der finalen Lackierung kommen die blauen Ringe und Rauten. „Sie zu zeichnen ist eine eigene Kunst“, präzisiert Kliesch, weswegen man sehr froh sei um die damit betrauten Herbert Schafbauer und Manfred Pusa.

Den Nachnamen von Lisa, der für das Ausbessern sowie die Anfertigung neuer Tafeln und Schilder zuständigen Malerin, hält Götz jedoch geheim. „Damit sie uns niemand abspenstig macht“, sagt er lachend.
Wesentliche Voraussetzung für das Gelingen der „Aktion Maibaum“ ist am Ende natürlich die Wache. In 47 Schichten heißt es zu verhindern, dass der Baum gestohlen, also über die Gemeindegrenze gebracht wird, bevor ihm ein Bürger oder eine Bürgerin mit den Worten „Der Baum bleibt da“ die Hand auflegen kann.

Genau für diesen Zweck gibt es das Stüberl, in dem wochentags von 18 Uhr bis Mitternacht und am Wochenende ab neun Uhr quasi rund um die Uhr „all das stattfindet, was in einem normalen Wirtshaus passiert: ratschen, Karten spielen, trinken“, wie Götz erklärt. Ab und an mit Partybetrieb, vor allem aber in gemütlicher Atmosphäre, „so dass sich auch Familien und Ältere wohlfühlen“. Das dabei erwirtschaftete Geld komme der Jugendarbeit der Vereine und dem nächsten Maibaumprojekt zugute.

Selbst ein „Maibaumklau“ stünde im Zeichen des friedlich miteinander Spaßhabens. „Da sind schon Freundschaften entstanden“, sagt Friedrich, „etwa mit dem Pöringer Burschenverein D’Bianga“. Weswegen zuweilen sogar auch die Diebe an den „Schwaiberln“ stünden, also den zum Aufrichten des Baums benötigten Stangen.

Ob das wohl auch im Misserfolgsfall gilt? Nachdem sie laut Götz die Vorhängeschlösser am Zugangstor und im Stüberl aufgezwickt hatten, um an den Schalter für das Rolltor zu gelangen, mühten sich heuer mehr als 40 Burschen aus Ottobrunn und Unterhaching fast drei Stunden vergeblich, den Baum zu drehen, um ihn über den Container-Vorplatz abzutransportieren.

Man darf also gespannt sein, wer alles da ist, wenn es am ersten Mai um zehn Uhr losgeht und der Maibaum idealerweise „mit dem Zwölfuhr-Glockenschlag“ steht. Die Marktkapelle macht Musik, die Trachtler tanzen, zahlreiche kulinarische Angebote gibt es natürlich auch.

Die Menschen der „Aktion Maibaum“ wiederum werden stolz, glücklich und ein bisschen erschöpft ihr Werk betrachten. Denn, wie Daniel Kliesch zusammenfasst und die anderen bestätigen: „Es ist schön, wenn die Stüberlzeit beginnt, aber auch schön, wenn sie wieder vorbei ist.“

Bleiben wird jedoch für vier Jahre der Baum in der Ortsmitte – als Erinnerung und sichtbares Zeichen von gelebtem „Wir-Gefühl“.

Text: Michaela Pelz i.A. des Marktes Kirchseeon

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